Inklusionskonzept

 

Inklusion – Heterogenität: Unterricht, der alle erreicht

 

 

„Wenn für jede Schülerin und jeden Schüler die entsprechende Unterstützung bereitgestellt wird und wenn es gelingt, das gemeinsame Leben von Menschen mit ganz unterschiedlichen Besonderheiten vom Beginn des Lebens an zu Selbstverständlichkeit werden zu lassen, dann entspricht das dem Ziel der Inklusion, wie es in der UN-Konvention über die Rechte behinderter Menschen vereinbart wurde.“ (Bildungsplan für geistig Behinderte)

 

 

Inklusion beginnt in den Köpfen.  Prinzipiell gilt: Inklusion für alle! Grundsätzlich wird jede Schülerin / jeder Schüler aufgenommen und dort abgeholt, wo sie / er steht, sei es sprachlich, körperlich-motorisch, emotional-sozial oder kognitiv. Auch die sogenannten „hochbegabten“ Kinder und Flüchtlingskinder mit nur sehr geringen Deutschkenntnissen sollen im Rahmen des Inklusionskonzeptes Berücksichtigung finden bzw. aufgefangen werden.

 

  1. Bedingungen

Um Inklusion sinnvoll praktizieren zu können, müssen zunächst wichtige Grundvoraussetzungen geschaffen werden bzw. es müssen bestimmte Grundbedingungen erfüllt sein. Dazu zählen besondere personelle, räumliche und sächliche Bedingungen.

 

 

Personelle Bedingungen:

Wenn es sinnvoll erscheint, sollten SchülerInnen mit besonderen Bedürfnissen in Gruppen (innerhalb einer Klasse oder jahrgangsübergreifend) zusammengefasst werden. Dafür werden Jahrgangsklassen in bestimmten Fächern wie Deutsch, Englisch und Mathematik parallel gesteckt. Diese Lerngruppen müssen immer parallel von zwei Lehrkräften unterrichtet werden (OBS-LehrerIn und FÖSL). Der/die FörderlehrerIn übernimmt die Stunden mit den Kindern mit besonderem Förderbedarf.

Wichtig ist außerdem die Zusammenarbeit mit mobilen Diensten und anderem sonderpädagogischen oder auch medizinisch-therapeutischen Fachpersonal, Dolmetschern (diese sollten über den kurzen Dienstweg verfügbar sein!), ErzieherInnen und EingliederungsassistentInnen (idealerweise auch Personen mit einer bestimmten Muttersprache, z. B. Arabisch).

 

Räumliche Bedingungen:

Pro Klasse sollte ein Gruppenraum zu Differenzierungszwecken zur Verfügung stehen.  Dieser Raum muss sinnvollerweise an dem Klassenraum mit Sichtfenster und einer Tür  angegliedert sein. Nur so ist ein stetiger Lernraumwechsel ohne Abgrenzung bzw. Ausgrenzung möglich. Außerdem müssen zusätzliche Förderräume mit entsprechenden Materialien eingerichtet werden. Es versteht sich von selbst, dass alle Räume der Schule auch für  RollstuhlfahrerInnen zugänglich sein müssen! Je nach Förderbedarf einzelner SchülerInnen (z.B. Förderschwerpunkte Sehen und Hören) müssen die Räume individuell gestaltet bzw. mit Hilfsmitteln ausgestattet werden (Beim Förderschwerpunkt Hören kann bspw. ein Teppich notwendig werden o.ä.).

 

Sächliche Bedingungen:

Auch bestimmte sächliche Bedingungen müssen gegeben sein. Hier geht es zum einen um die Beschaffung / Finanzierung von Hilfsmitteln verschiedenster Art in Zusammenarbeit mit den mobilen Diensten (Sprachcomputer, Lesegeräte, Hör- und Kommunikationshilfen für Hörgeschädigte…),  zum anderen um die benötigten Fördermaterialien (für den Förder- und Regelunterricht) und um den Therapiebedarf (Ergotherapie, Sozialtherapie). Was benötigt wird, kann nicht pauschal festgelegt werden, der Bedarf variiert von Jahrgang zu Jahrgang und ergibt sich aus den individuellen Bedürfnissen der SchülerInnen.

 

Organisatorische Bedingungen:

Es muss eine enge Kooperation / Durchlässigkeit der Schulzweige (OBS und KME-Zweig) gewährleistet sein. So wird beispielsweise eine enge Anlehnung an das Konzept des KME-Zweiges für einige SchülerInnen  mit besonderen Bedürfnissen sinnvoll sein. Handlungsorientierter Unterricht kommt allen Schülerinnen und Schülern unserer Schule entgegen! Im Stundenplan ist Raum für benötigte Therapien einzuplanen. Außerdem muss für die SchülerInnen mit besonderem Förderbedarf in enger Zusammenarbeit mit dem/r FörderlehrerIn eine Durchlässigkeit bzw. Flexibilität zwischen dem Förderunterricht und dem Regelunterricht (auch Kursunterricht) bestehen.  So können gute FörderschülerInnen auch probeweise oder generell in bestimmten Fächern am Regelunterricht teilnehmen. Zusätzlich müssen für SchülerInnen mit besonderem Förderbedarf im sozial-emotionalen Bereich Stunden freigegeben werden, in denen sie in gesonderten Räumen mit geschultem Personal (auch außerschulische Fachkräfte) regelmäßig Sozialtraining abhalten können.

 

 

  1. Schulalltag an der Marion-Dönhoff-Schule

 

Unterschiedliche Kompetenzverteilung

 

Neben sehr schwachen und sehr leistungsstarken, eventuell sogar hochbegabten Schülerinnen und Schülern kommen in der inklusiven Lerngruppe auch solche mit unterschiedlichen Förderbedarfen dazu: Geistige Entwicklung, Lernen, Sozial–Emotionale Entwicklung, Hören, Sehen, Autismus und Körperlich-Motorische Entwicklung.

 

Unumgänglich ist selbstgesteuertes, entdeckendes, experimentierendes von Neugier geprägtes Lernen. Fehler dürfen gemacht werden, niemand wird ausgelacht. Die Präsentation der eigenen Ergebnisse und Leistungen wird als wertschätzende Rückmeldung erfahren. Dabei bewegt sich die Dokumentation der eigenen Ergebnisse immer im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Eine individuelle Differenzierung sowohl im methodischen als auch im didaktischen Vorgehen ist eine Herausforderung für den/die LehrerIn, um die SchülerInnen dort abzuholen, wo sie stehen. Gleichzeitig ist ein eindrucksvolles soziales Lernen für die MitschülerInnen gefordert, welches von Beginn an gelernt werden muss.

Wenn möglich, steht ein/e FörderlehrerIn in möglichst vielen Stunden zur Verfügung. Und dies nicht nur beratend, sondern auch unterrichtsbegleitend.

In regelmäßigen Abständen finden Gespräche im Team statt sowie Gespräche zwischen LehrerInnen-SchülerIn-Eltern. Idealerweise sind diese Termine fest im Stundenplan verankert und werden bei Bedarf erweitert.

 

Zusammen lernen – eine didaktische Chance

 

Inklusiver Unterricht erfordert mehr Vorbereitung, da mehrere Zugänge zum Unterrichtsgegenstand ermöglicht werden müssen. Die Zusammenarbeit mit dem/r FörderlehrerIn ist schon in der Planung / Vorbereitung sinnvoll und manchmal nötig. Optimal wäre eine durchgängige gemeinsame Durchführung. Leider lässt dies die momentane Unterrichtsversorgung mit FörderlehrerInnen nicht zu. Hier besteht Handlungsbedarf. Wenn nötig werden Eingliederungsassistenten beantragt, die den jeweiligen Schüler / die Schülerin unterstützen und so die Teilnahme am Regelunterricht besser ermöglichen.

 

Zurzeit stehen den aufsteigenden 5. und 6. Klassen der Marion-Dönhoff-Schule faktisch zwei FörderlehrerInnen im KME-Zweig und eine Förderlehrerin für den inklusiven Bereich zur Verfügung. Zusätzlich gibt es eine Abordnung einer Förderlehrerin mit 8 Stunden. So können die SchülerInnen mit besonderem Förderbedarf in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik individuell beschult werden. Diese gemeinsame Unterrichtsversorgung und Planung kommt allen SchülerInnen (auch den Regelschülern mit ihren jeweiligen Besonderheiten wie Sprache und Hochbegabung etc.) zu Gute. Zusätzliche Thematiken müssen am Rande mitversorgt werden.  Für die Zukunft wünschen wir uns eine bessere und weiter reichende Unterrichtsversorgung.

 

Der entscheidende Bereich ist die gemeinsame Diagnostik, Planung, Vorbereitung und Auswertung des Unterrichts. Dafür sind die verbindlichen Teamsitzungen für alle in einer Klasse tätigen LehrerInnen und sonstiges Personal nötig. Ein gemeinsamer Austausch über die SchülerInnen ist Grundvoraussetzung.

Im Anschluss wird halbjährlich ein individueller Förderplan (schulinterne Software) für die SchülerInnen mit besonderem Förderbedarf erstellt. Für alle anderen Schüler kann dies bei Bedarf ebenfalls erfolgen, ansonsten wird nur der individuelle Entwicklungsplan erstellt.

Indem über alle Schülerinnen und Schüler im Rahmen der Unterrichtsvorbereitung und Auswertung gesprochen wird, verändert sich die Wahrnehmung durch die Pädagogen und es wird zunehmend mehr und mehr erkennbar, was jede und jeder einzelne Lernende an Stärken im Unterrichtsprozess und in die Klassengemeinschaft einbringen kann.                                                

 

 

Unterschiedliche Schülerprofile

 

Es gibt sehr unterschiedliche Schülergruppen mit unterschiedlichen Profilen und unterschiedlichen Handlungsorientierungen:          

                                                                                    

Die leistungsstarken Schüler:

Enrichment (zusätzliche Aufgaben), besondere Forschungsaufgaben, Präsentation eigener Arbeiten, Unterstützer für Schwächere, Förderband (Star- Gruppe, vgl. unser allgemeines Förderkonzept).

 

Sozial-emotional herausfordernde Schüler:

Will immer im Mittelpunkt stehen, will Beachtung finden. Wenn nicht durch gute Beiträge, dann durch Clownerien. Daher braucht er /sie individuelle Orientierungspunkte: den Themenbereich in viele kleine Schritte gliedern, Regeln und Strukturen kennen und einhalten. SchülerIn bedarf besonderer Beachtung und Feedback für sein/ ihr Handeln, notfalls auch im gesonderten Training und mit Eingliederungsassistenten.

 

Schüler mit Förderbedarf Geistige Entwicklung:

Unterrichtsthema: was davon ist relevant für den Schüler? Was kann er / sie lernen? Welche Grundkompetenzen kann er/ sie erlernen? Oder wird zieldifferent angeboten? Immer in Anlehnung an das Kerncurriculum für den Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung.

 

Förderbedarf Lernen:

Anlehnung an das Schulcurriculum, aber abgeschwächte Lerninhalte. Bei Bedarf jedoch andere Materialien und gezielter Förderunterricht mit Anlehnung an das Kerncurriculum für den Förderschwerpunkt Lernen.

 

 

Autistischer Schüler:

Ist sehr wissbegierig, braucht aber mehr Ruhe. Wenn er sich missverstanden fühlt, neigt er zu plötzlichen und unkontrollierten Gewaltanwendungen. Hat oft seine eigenen Lernwege.

Daher: Möglichkeiten zum Rückzug und zu Auszeiten, Förderung der Sozialkompetenz, individuelle Arbeitsmöglichkeiten, eventuell eigenes Material, Präsentation der eigenen Arbeit.

Die Mitschüler für Nähe und Distanz sensibilisieren. Wenn möglich Beschulung nach Schulcurriculum und wenn nötig Eingliederungsassistenten.

 

Förderbedarf Hören / Sehen:

Zusatzmaterialen, Hilfsmittel und mobiler Dienst.

 

Förderbedarf Körperlich-motorische Entwicklung (KME):

Eigene Klassen an unserer Schule. Kooperation mit Parallelklasse, klassenübergreifende Lerngruppen im K- und I- Bereich, Projekttag (vgl. unser KME- Konzept).

 

 

Unterrichtsplanung

 

Der inklusive schulinterne Lehrplan ist der schulformbezogene Rahmenlehrplan, ergänzt durch die Rahmenpläne für die unterschiedlichen Förderschwerpunkte. Die sonderpädagogische Kompetenz wird genutzt, um die Unterrichtsvorbereitung auf die individuellen Bedarfe der Schülerinnen und Schüler auszurichten.

 

Die individuellen Wahrnehmungen und Kompetenzen der SchülerInnen sind immer die Ausgangslage für die Planung, auch wenn sie nicht der Klassenstufe entsprechen!!!

Die Bildungsangebote richten sich an den Bedarf jedes einzelnen Schülers. Unterstützungsmöglichkeiten werden individuell auf die einzelnen SchülerInnen hin geplant und gestaltet.

Schüler erhalten passgenaue Unterstützung und Hilfen beim Lernen, der Wissensanwendung, der Kommunikation, der Mobilität, der Selbstversorgung, der interpersonalen Interaktion und der Wahrnehmung, um sich so selbstständig und selbsttätig wie möglich mit konkreten Aufgaben auseinandersetzen zu können oder Handlungen durchzuführen.

 

Uns ist bewusst, dass dies Idealvorstellungen sind und dass diese nicht immer umgesetzt werden können. Dafür fehlen zu viele Förderlehrerstunden und die Regelklassen sind zu groß. Doch mit dieser Problematik haben alle Regelschulen zu kämpfen und wir tun alles, um diese Idealvorstellung in unserem Schulalltag umzusetzen. Und bisher meistern wir diese umfassende Aufgabe schon ganz gut, denn wir können auf langjährige Erfahrungen aus dem Wilhelmshavener Integrationsmodell zurückgreifen.

 

Stand: November 2016